Frau Dr. Borchard, Sie haben 2011 am Lehrstuhl für Internationale Stadt- und Metropolenentwicklung am Geographischen Institut der Ruhr-Universität Bochum promoviert. Warum haben Sie sich beim Thema Ihrer Doktorarbeit für Dortmund entschieden?
Eine Stadt zu finden, die als Fallbeispiel geeignet war, gehörte bereits zum Forschungsprozess meiner Doktorarbeit. Für das Thema kamen mehrere Städte in Deutschland und auch im Ausland infrage. Ausschlaggebend für Dortmund war, dass die Weiterentwicklung des 2004 beschlossenen Masterplans Wohnen sowie die Erarbeitung und Umsetzung des kommunalen Wohnungsmarktkonzeptes die Möglichkeit boten, meine Fragestellung auf mehreren Ebenen zu analysieren – von der Quartiersebene bis zur Einbindung in die Region.
Gibt es eine Affinität zu Nordrhein-Westfalen bzw. zum Ruhrgebiet?
Ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen und habe im Ruhrgebiet studiert. Insofern war ich natürlich gerade für die wohnungspolitischen Herausforderungen der Region sensibilisiert.
Warum haben Sie für Ihre Doktorarbeit dieses Thema ausgewählt?
Schon während meines Geographie-Studiums habe ich mich für Fragen des Wohnungswesens interessiert, wie sie im Bereich „Stadt- und Regionalentwicklung“ behandelt werden. Außerdem wollte ich gerne der Frage auf den Grund gehen, wie Steuerungsprozesse auf wohnungspolitischer Ebene funktionieren. Nicht zuletzt haben mich meine Doktormutter Prof. Dr. Uta Hohn und Prof. Dr. Lienhard Lötscher bei diesem Thema engagiert unterstützt.
Wie lange haben Sie an Ihrer Dissertation gearbeitet?
Von der ersten Idee bis zur Fertigstellung habe ich ungefähr fünf bis sechs Jahre geforscht. Parallel arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geographischen Institut der Ruhr-Universität Bochum beziehungsweise seit März 2009 als Forschungskoordinatorin bei der InWIS GmbH, Bochum.
Was hat Ihnen bei der Arbeit an Ihrer Dissertation am meisten Spaß gemacht?
Auf jeden Fall die so genannte „Feldarbeit“. Dazu gehörten etwa Interviews mit den Experten in der Kommunalverwaltung oder den Wohnungsbauunternehmen. Auch konnte ich beobachtend an den Versammlungen aller eingebundenen Akteure – zum Beispiel auf Quartiersebene, im Eigentümerforum oder beim Nachbarschaftstreff – teilnehmen.
Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Doktorarbeit?
Die kommunale Wohnungspolitik ist ein Schlüsselelement für die integrierte Stadtentwicklungsplanung. Entscheidend ist eine präventive Steuerung, die rechtzeitig auf identifizierte Krisensymptome reagiert. Wohnungspolitik hat dabei die strategische und planerische Aufgabe, sowohl ökonomische Standortfaktoren als auch die Innenentwicklung ausreichend zu berücksichtigen, aber auch dem sozialen Auftrag gerecht zu werden. Vor Ort und auf den unterschiedlichen Ebenen wie im Quartier oder im einzelnen Wohnblock müssen verschiedenste Akteursgruppen Gehör finden. In bestimmten Quartieren reicht das von Privateigentümern über Mietervereine bis hin zur örtlichen Moschee oder dem Nachbarschaftstreff. Nur so kann letztlich wohnungspolitisch die Voraussetzung für eine gute infrastrukturelle, städtebauliche, wohnungswirtschaftliche und soziale Entwicklung geschaffen werden. Im Laufe meiner Forschungen hat sich ferner herausgestellt, dass Konzepte, die von Beginn an mit allen Beteiligten kooperativ ausgehandelt werden, viel größere Chancen haben, auch umgesetzt zu werden. Zudem senken sie das Risiko einer Fehlplanung für alle Beteiligten.
Inwieweit spielte die NRW.BANK im Rahmen Ihrer Forschung eine Rolle?
Im Rahmen meiner Arbeit ist deutlich geworden, wie wichtig umfassende Informationssysteme für erfolgreiche Wohnungspolitik sind. Und hier kommt die NRW.BANK ins Spiel: Die Ergebnisse der Wohnungsmarktbeobachtung der NRW.BANK werden von den Kommunen intensiv genutzt. Ebenso unterstützt die NRW.BANK mit ihren Arbeitskreisen die Kommunen beim Aufbau der Methodik für eine eigene Wohnungsmarktbeobachtung. Damit können qualitative Entwicklungsprozesse angestoßen werden, wie Wohnungspolitik verbessert werden kann.
Haben Sie Ergebnisse erhalten, die Sie überrascht haben?
Sehr interessant ist die große Komplexität wohnungspolitischer Entscheidungsprozesse und die Verschiebung der Akteurskonstellationen, die sich heute beobachten lässt. Wenn es zum Beispiel um Weiterentwicklungen in einem Quartier geht, müssen Mietervereine, Wohnungsunternehmen und mitunter viele private Eigentümer mitziehen. Das bedeutet ein extrem heterogenes Interessen- und Machtgefüge – angefangen bei rechtlichen Aspekten, Fragen der Finanzierung und Investition bis hin zum gesellschaftlichen Rückhalt im betroffenen Quartier aber auch auf gesamtstädtischer Ebene, der den einzelnen Parteien zur Verfügung steht.
Inwieweit werden die Stadt Dortmund oder andere Städte Ihre Forschungsergebnisse bei der Gestaltung der eigenen Wohnungspolitik berücksichtigen?
Das Interesse an meinen Zwischenergebnissen war bereits im laufenden Forschungsprozess bei der Stadt Dortmund hoch. Das Endergebnis liegt der Stadt seit kurzem vor. Ein erstes Feedback des Oberbürgermeisters war positiv. Im Rahmen meiner Tätigkeit bei der InWIS GmbH erarbeiten wir für andere Kommunen dialogorientierte Handlungskonzepte und darin fließen natürlich auch Ergebnisse meiner Dissertation ein.



